Hi! Ich bin Asaf.

Ehrlich, ohne "H"

Ehrlich, ohne "H"

Der jüdischer Nachname, eine Deutsch-Jüdische Geschichte

Sehr schnell habe ich gemerkt, dass der Name Erlich ein ungewöhnlicher Name in Deutschland ist. Würde mein Name als "Ehrlich" geschrieben werden, wäre es immernoch ungewöhnlich. Sehr oft bekomme ich Kommentare in alltäglichen Situationen: wenn ich etwas bestelle, wenn ich etwas reserviere, wenn ich mich vorstelle. Öfters erwidern Menschen mit einer Reihe von Bemerkungen, wie: "Erlich?..echt?", "Das ist lustig", "ohne "H?.. warum?", "Erlich? Ehrlich?" Zudem kann ich nur antworten: "Ganz Erlich". Ich bin nicht derjenige, der einfach so rumspaziert mit einem merkwürdigen Name, von denen gibt es viele. In diesem Beitrag werde ich erklären, warum wir Juden diesen merkwürdigen deutschen Namen erhalten haben und was es in mir bewegt hat.

Geschichte der Vertreibung

Wie durch einen Anhieb entstand das Judentum im Deutschlands im 9. Jahrhundert. Vier Jahrhunderten zuvor, hatte Augustinus von Hippo, ein christlicher Theologe und Philosoph ,- dessen Lehre die katholische Kirche bis hin in das Mittelalter begleiten wird, musste ein ein Paradox lösen. Überall im zusammenstürzenden römischer Reich befanden sich Juden, die laut dem römischen Mythos, Mörder Jesus gewesen waren. Wie konnten diese Christen, die Mörder Jesus leben ließen, ehren? Augustinus beschloss, dass die Juden im Christentum ein gutes Phänomen seien, da sie den Christen helfen, näher an Christus zu stehen, nur solange sie die christliche Wahrheit annehmen und akzeptieren. Wenn das Volk Israels auf die wahre Wahrheit verzichtet, müsste es weg getrieben werden, aber nicht getötet werden. Demzufolge hat die Augustinus Doktrine zur Verbreitung der Juden aus der alten "Römischen" Welt im 9. Jahrhundert geführt. Über die Alpen, den Rhein entlang wanderten die Juden nach Deutschland.

Ohne "Ü"s,"Ö"s, "Ä"s und "Eh"s

Als die zahlreichen Juden in Deutschland, vermehrt am Rhein Gebiet, ankamen, konnten sie kein Wort deutsch sprechen. Dementsprechend mussten sie eine Art finden, um mit den Einheimischen kommunizieren können. Die Lösung dazu kam in Form des Jiddischen. Im Grunde genommen ist Jiddisch ein Dialekt des Mittlehochdeutschen mit gewissen Veränderungen. Im Jiddischen mussten Wörter erfunden werden, die im Mittlehochdeutschen nicht existierten, jedoch dafür im Hebräischen herrschten. Nicht nur Wörter, sondern das ganze Schriftsystem der jiddischen Sprache ist die hebräische Schrift. Deswegen hat Jiddisch keine Ü, oder Ö Klänge. Deshalb fällt es einem hebräischen Muttersprachler schwer genau diese Klänge auszudrücken.
Die Komische Klänge waren nicht die einzige Dinge, die die  damaligen Juden nicht kannten, auch Familiennamen waren für die Diaspora der Juden fremd. Im alten Judentum wurden Menschen nach dem Vater genannt. Es gab noch kein Mojschele Rosenfeld, sondern Mojschale Ben Meiir oder Mojschale, Sonn des Meiirs (Patronym). Bis heutzutage werden jüdische väterliche Namen im religösen Bezug verwendet und sie werden zusätzlich auf dem Grab geschrieben. Dazu gibt es natürlich auch Ausnahmen, wie der Kohen (כהן - "Priester") Familien Name. Dieser ist Uralt und existiert seit biblischer Zeit.
Der Wandel für die jüdische Gemeinschaft kam mit dem Aufbruch der Französische Revolution, mit der zum ersten Male jüdische Bürger gesetzlich als Menschen anerkannt wurden, trotz der Tatsache, dass es schon vorher im Habsburgerreich de facto dieser Zustand herrschte. Öfters war es den Juden nicht erlaubt, deren Nachname selbst auszusuchen, was bei manche Fällen zu beleidigenden Nachnamen führte. Jedenfalls konnte die Mehrheit für sich wählen. Resultat daraus ist die Folge, dass wir heute zahlreiche Jüdische Familiennamen, die nach deutschen Namen klingen, innerhalb der jüdischen Gesellschaft widerfinden.

Manchmal unterscheiden sich die deutsch-jüdischen Nachname durch die Übersetzung vom Jiddischen ins Deutsche. Nur so kann ein Name von "Biermann" zu "Bierman" entstehen . Habt ihr im 18. Jahrhundert in Deutschland einen "Teitelbaum" gesehen? Nein, weil Teitelbäume (Jiddisch für Dattelbäume) in Deutschland als Namen nicht üblich sind. Die Liste solcher Namen ist noch sehr lang. Diejenigen, die sich dafür interessieren, schlage ich vor mehr darüber unter diesem Wikipedia Link zu erfahren.     

Ganz ehrlich!

Für mich zählte das Ganze vor dem Ankommen in Deutschland, (wie man so schön auf Deutsch sagen kann, und bitte Pardon die Aussage), einen feuchter Furz.
Ich wusste, dass ich ein Israeli war und, da ich nicht der einzige Erlich bin, fand ich es nichts besonderes. Deutschland und alles deutsches war zu Hause Tabu und meine Oma väterlicherseits wollte sehr wenig über die Vergangenheit reden, da mein Opa, ihr Mann, schon längst Tot war, als ich groß geworden bin. Es war mein Opa mütterlicherseits, ein Bucharischer Jude (Sephardischer Jude aus Usbekistan), der mir über die Bedeutung des Names erzählt hat.

Im Großen und Ganzen war ich von dem Namen überhaupt nicht zu frieden. Im Israel der 70. Jahren kam ein geschmacksloser Film heraus, namens Charly waChetzi mit Jehuda Barkan und Zeev Revach- ein "Bourekas Film" (Bourekas, Hebräisch für Art Börek, bedeutet ein Nonsense-Film). In Charly waChetzi erscheint ein Charakter namens Erlich, dessen Szene Charli waChetzi zum Kultfilm gemacht hat. Die Popularität dieses Films kann dadurch bestätigt werden, dass seit dem ich 13 bin, keiner spricht mich mit meinem Vorname an, sondern mit meinem Nachnamen. Kein Mensch der mich privat anspricht, verwendet den Name "Asaf" bis auf meine Eltern! Das gilt für alle meine Familienmitglieder. Es ist so lächerlich geworden, dass Menschen die uns anrufen oft sagen "Schalom, darf ich mit Erlich sprechen?". Das ist total verwirrend, da wir alle verdammt nochmal Erlich heißen! Und GanzErlich Leute, der Film war zu jener Zeit fast 30 Jahre alt. Ich habe mir geschworen den Film nie mehr wieder zu sehen. Das Ganze ist so eskaliert, dass fast keiner meinen Name in meinem israelischen Freundeskreis überhaupt kannte.

Deutschland war dagegen bisschen anders. Als ich hier ankam, fing ich mich über meinen Nachname mehr zu interessieren. Ich dachte das Erlich ein Jüdischer Name war. Aber nein, auch die Jiddische From des Namens Erlich stammt aus dem Mittlehochdeutschen und deren Buchstabierung ohne "H" ist eigentlich sehr alt. Also ist der Name sehr deutsch. Als ich das herausgefunden habe, war ich ein bisschen schockiert. Alles deutsche war Tabu in meiner Familie und somit hat diese Entdeckung viele Fragen über meine Identität hervorgerufen. Ich erinnere mich, dass an dem Zeitpunkt, an dem ich paar Monaten in Deutschland war, ich versuchte mich mehr deutsch zu verhalten. Ich könnte auch ohne Akzent reden, wenn ich darauf achten würde. Theoretisch konnte ich mich dank meines Nachnamens als Deutscher ausgeben und keiner hätte es bemerkt.

Genau aber, wie auch für meine Landsmänner, war Erlich für die Deutschen nur ein weiterer Nachname. Öfters werde ich mit merkwürdigen und auch lustigen Kommentare konfrontiert: "Erlich? Echt?", "Erlich? cool", "Erlich komisch, oder "Erlich? Ehrlich?". Manchmal führte es zu Problemen, insbesonderes bei Reservierungen und daher habe ich die Gewohnheit immer zu sagen: "Ehrlich, ohne "H". Ich weiß, dass wenn ich es nicht sagen würde, würde ich nachher erklären müssen, warum in meinem Ausweiß kein "Ehrlich" steht. Wer mich kennt ahnt, dass ich einen besonderen Humor habe und so habe ich meinen Namen in Deutschland zu einem Runninggag gemacht. Eines Tages passierte Folgendes:

Ich: Hallo mein Name ist Erlich, ich möchte einen Platz reservieren, unter dem Name Erlich.
Sie: Ehrlich?
Ich: Ja Erlich, ohne "H"
Sie: Erlich?
Ich: Erlich.
Sie: Erlich!
Ich: GanzErlich!

Die Kombination zwischen Asaf und Erlich war für manche wie eine Mischung zwischen zwei Sachen die mit einander nichts zu tun haben. So habe ich das mal auch gedacht, aber heute sehe ich, wie viel in meiner Identität und Herkunft es eigentlich gibt, zu der man dazu sagen kann, das es typisch Deutsch ist. In der Tat hat Deutschland mir viel über mich beigebracht. Ohne nach Deutschland zu kommen, hätte ich nie über die Vergangenheit meines Großvaters erfahren (darüber werde ich in späteren Blogs erzählen). Am Anfang dachte ich diesen Blog GanzEhrlich zu benennen, da ich dachte, dass "Erlich" mir paar deutsche Leser wegen der "falschen Rechtschreibung" kosten könnte.

Trotz der langen Strebens, wie ein deutscher mich zu verhalten, bekomme von manchen das Gefühl, dass diese Verbindung zwischen Deutsch-Jüdisch und Israelisch eine Fantasievorstellung wäre. Mein Name jedoch beweist das Gegenteil!
Erlich symbolisiert eine Art Brücke zwischen dem Deutschen- Jüdischen und Israelischen. Diese Geschichte, von Augustinus bis Charly waChetzi, zeigt mir, dass es kein Zufall gewesen ist, dass ich in Deutschland gelandet bin. Je mehr ich über meine Vorfahren hier in Deutschland lernte, desto mehr verstand ich, dass es noch viel mehr weitere Brücken zu schlangen gibt. Dafür habe ich diesen Blog, um mit euch auf eine ehrliche, Erlich, GanzErliche Art und Weise zu unterhalten.   

                                                                  

 

 

 

        

 

 

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